Von Komfort zum Psychoterror: Smart-Home-Systeme werden zum Türöffner für häusliche Gewalt. Delmenhorst ist wachsam.
Eine neue digitale Form der häuslichen Gewalt greift um sich und die Tendenz steigt: Smart-Home-Systeme werden zu Werkzeugen, um Ex-Partnerinnen oder Ex-Partner im eigenen Zuhause zu terrorisieren und zu kontrollieren. Für immer mehr Menschen, meist Frauen, wird die digitale Form der häuslichen Gewalt zur traurigen Realität.
Eigentlich sind Smart-Home-Systeme digitale Lösungen, um Haushaltsgeräte, Raumbeleuchtungen, Schließsysteme, Videoüberwachungen oder Heizsysteme und weitere vernetzte Geräte automatisiert und per Internet zu steuern. Doch die Täter im Bereich der häuslichen Gewalt haben die Möglichkeiten längst für ihre eigenen perfiden Zwecke entdeckt, immerhin eröffnen diese Anwendungen auch die Möglichkeit, sie als Instrumente zur psychischen Belästigung zu nutzen und für Psychoterror zu missbrauchen.
Ein Beispiel: Drei Uhr nachts, plötzlich geht das Licht an. Die Rollläden gehen rauf und runter, aus den Lautsprechern tönt Musik in brachialer Lautstärke, die Heizung arbeitet auf Höchstleistung, der Flatscreen schaltet sich ein, die Videokamera schwenkt und ist aktiviert: Psychoterror. Der Täter: der eigene Ex-Partner bzw. die eigene Ex-Partnerin. der/die via Handy noch die Kontrolle über die Smart-Home-Systeme hat. Virtuell gesteuert wird das zu Hause, in dem er oder sie selbst schon nicht mehr wohnt.
Häusliche Gewalt per simplem Klick
So heißt es aus Fachkreisen, die digitale technologische Entwicklung habe auch die familiäre und häusliche Gewalt in vielerlei Hinsicht verändert, intensiviert und sogar globalisiert. Über Smart-Home-Applikationen können Täter aus der Ferne das Zuhause ihrer Ex steuern, sie überwachen und so auch ohne unmittelbar körperliche Nähe und physische Anwesenheit Gewalt ausüben. Einzige Voraussetzungen sind die Internetverbindung und die passwortgestützte Kontrolle über die App.
In Deutschland wird jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt, davon jede vierte Frau durch ihren aktuellen oder früheren Partner. Dabei ist häusliche Gewalt – in der Fachsprache Gewalt im sozialen Nahraum – ein Phänomen mit großer Dunkelziffer. Die Polizei in Delmenhorst und im Landkreis Oldenburg zeigt sich angesichts steigender Fallzahlen seit geraumer Zeit besorgt. Deutlich zugenommen haben die Zahlen seit der Corona-Pandemie mitsamt den damaligen Lockdowns.
Digitaler Türöffner für psychische Gewalt
Laut Bundeskriminalamt sind die bei Partnerschaftsgewalt mit Abstand häufigsten Delikte vorsätzliche, einfache Körperverletzung, gefolgt von Bedrohung, Stalking und Nötigung. Als nächstes werden Vergewaltigung, sexuelle Nötigung sowie Übergriffe genannt, wobei es sich bei den Opfern zu 98 Prozent um Frauen handelt. Das bittere Ende der Liste machen Freiheitsberaubung, Mord und Totschlag. Durch die eigentlich komfortable und zukunftsweisende Smart-Home-Technologie werden offensichtlich einer weiteren Form von „partnerschaftlicher“ Gewalt die digitalen Tore geöffnet.
Passwort ändern oder Smart-Home deaktivieren
Die Zielsetzung, dass ein Opfer in Sicherheit ist, sobald der Gefährder sich aufgrund eines polizeilich ausgesprochenen Betretungsverbotes nicht mehr im Haushalt befindet, wird durch Smart-Home-Apps auf den Kopf gestellt. Betroffene können sich jederzeit an Beratungsstellen wenden. Der grundsätzliche Rat aber kann nur lauten, im Falle einer Trennung mit Gewalt-, Nötigungs- oder Stalkinggefahr, sämtliche Passwörter innerhalb der App unverzüglich zu ändern, falls das aufgrund der Zugriffsrechte nicht möglich ist, die Smart-Home-Systeme komplett zu deaktivieren.











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