Straftaten in Delmenhorst von vorgestern bis heute: Weshalb Angst und Polemik trügerisch sind

Noch am 01. Oktober 2020 hatte der Leitende Kriminaldirektor Jörn Stilke, zugleich ein Urgestein der Stadt, sein 40-jähriges Dienstjubiläum bei der Polizei gefeiert. Nach 42 Jahren im Dienst der Polizei, davon 14 Jahre als Polizeichef in Delmenhorst, sagte er Ende Oktober 2022 Tschüss und verabschiedete sich in den unruhigen Ruhestand. Zwei Jahre zuvor, vor nunmehr fünf Jahren, hatte er noch eine bemerkenswert positive Kriminalstatistik vermeldet.

Jörn Stilke war langjähriger Polizeichef in Delmenhorst und insgesamt 42 Jahre im Dienst

„Der Trend der sinkenden Fallzahlen setzt sich auch in diesem Jahr in nahezu allen Deliktsbereichen fort“, sage Jörn Stilke im Mai 2020, damals Leitender Kriminaldirektor und Leiter der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch. Die Zahlen für 2019 waren damit auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren gesunken. Und dabei hatten doch viele in der lautstarken Öffentlichkeit behauptet, die Straftaten würden seit der Öffnung der Grenzen in 2015 explodieren. Die Zahlen sprachen eine andere Sprache.

Tatsächlich gingen die in der Inspektion registrierten Fälle und in 2020 vorgelegten Zahlen um rund sechs Prozent auf 15.538 Straftaten zurück, während die Aufklärungsquote mit 64,7 Prozent auf konstant hohem Niveau blieb und im Landesdurchschnitt sogar leicht über der in Niedersachsen lag. In der Stadt Delmenhorst selbst, war die Zahl der Straftaten von 6.038 auf 5.532 Fälle gesunken, was einem Rückgang von satten 11,4 Prozent entsprach. Dann kam Corona.

Im Zuge der Lockdowns und Ausgangssperren waren auch solche Familien rund um die Uhr in den heimischen vier Wänden eingesperrt, die sich im normalen Alltag in den teils prekären Verhältnissen durch Schule, Arbeit und weitere auswärtige Tätigkeiten aus dem Weg gehen konnten. Aufgrund der extrem angespannten Situation für alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen erwartete man wiederum massiv steigende Kriminalfälle. Doch auch die blieben aus. Was sich hingegen deutlich erkennbar veränderte, war die Art der Delikte. Während die Zahlen im öffentlichen Raum weiterhin sanken, nahmen die der häuslichen und sexualisierten Gewalt zu. Und zwar mit der speziellen Problematik, dass die Dunkelziffer in diesem Bereich als extrem hoch eingeschätzt wird.

Gleichwohl erklimmt häufig die Behauptung von geschönten Statistiken das polemische Tageslicht. Ein derart positives Bild könne nur aufgrund der zahlreichen nicht aufgeklärten Fälle entstehen. Auch die stellt sich allerdings per se selbst an den Pranger, zumal die Direktion Delmenhorst mit Kreis Oldenburg und Wesermarsch regelmäßig die höchste Aufklärungsquote im Land Niedersachen aufweist. Das Anspucken von Polizisten und die Respektlosigkeit vor den Ordnungshütern fließt übrigens nicht mit in die Statistik ein.

Für 2022 wies die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für Delmenhorst „nur noch“ 6712 Straftaten pro 100.000 Einwohner aus. Das waren deutlich mehr Straftaten als im Jahr 2021, trotzdem die mit Abstand wenigsten der kreisfreien Städte im Nordwesten. Nach Auf- und Abwärtsbewegungen in den Jahren davor sanken die absoluten Zahlen in 2024 um 3,1 Prozent. Im Vergleich zu 2023 wurden von der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch 499 Fälle weniger registriert, in einem Zuständigkeitsbereich mit mehr als 303.000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Plakativ deutlich zeigen die Zahlen im Rückblick der vergangenen 12 Jahre, dass die Zahl der Straftaten kontinuierlich rückläufig ist, mit leichten Ausruterschern über den gesamten Betrachtungszeitraum. Gefühlt ist das für viele anders. Und exakt an dem Punkt stellt sich die Frage nach dem Warum. Sicherlich geht das mit der Realität einher, dass Delikte deutschlandweit eine andere Dramatik und Prägung erhalten haben, dass etwa die Messerstechereien als eine der brisantesten aller ansteigenden – und neuen – Gefahren eingestuft werden, die Cyber-Kriminalität zunimmt. Ebenso allerdings auch mit der Frage nach der persönlichen Resistenz, der individuell empfundenen Sicherheit und des im Zuge der Krisen schwindenden Urvertrauens. Die Gesellschaft hat Fieber, wodurch die politischen Ränder geschärft werden.

Carsten Hoffmeyer (links) mit Polizeipräsident Andreas Sagehorn

Ab dem 01. Juli 2025 wird der in Delmenhorst geborene Carsten Hoffmeyer die Leitung in der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch übernehmen. Der aktuell leitende Polizeidirektor Wilfried Grieme geht nach ebenfalls 42 Jahren in den Ruhestand. Polizeipräsident Andreas Sagehorn hatte dem Nachfolger Polizeidirektor Carsten Hoffmeyer Anfang Februar die Dienstpostenübertragung für die Leitung der Polizeiinspektion überreicht.

Der 57-Jährige war seit Mai 2023 Leiter des Dezernates 12 in der Polizeidirektion Oldenburg. Noch ist er im Ministerium für Inneres und Sport eingesetzt, bevor er Anfang Juli in seine Heimatstadt wechseln wird, wo er bereits bis 2023 Leiter Einsatz und damit stellvertretender Inspektionsleiter war. Leiten wird er damit die Polizei in einer Stadt, die faktisch zu den sichersten im Nordwesten zählt.

 

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