„Reue und Scham sind meine täglichen Begleiter“ Niels Högels Schlusswort im Prozess im Wortlaut – Verteidigung fordert Freispruch in 31 Fällen

05. 06. 2019 um 14:06:14 Uhr | DelmeNews-Redaktion
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Der Fall Niels Högel steht vor dem Abschluss. Mit ihrem Plädoyer hatten heute die beiden Verteidigerinnen Ulrike Baumann und Kirsten Hüfken das letzte Wort vor dem morgigen Urteil. Die allerletzten Worte hatte Niels Högel. Er bat viele Menschen um Entschuldigung. Im Artikel ist sein Abschluss-Statement in voller Länge zu lesen. Am Mittwoch, 6. Juni fällt das Urteil.

Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer gefordert, Högel in 97 der 100 Fälle wegen Mordes zu verurteilen, in drei Fällen reiche die Beweislage nicht aus. Sie forderte eine lebenslange Haftstrafe.

Zu einer anderen Einschätzung in Bezug auf die Taten kam heute die Verteidigung. In 31 der 100 Fälle  beantragte sie Freispruch, in 14 Fällen plädierte sie auf versuchten Mord und in 55 Fällen (wie auch die Staatsanwaltschaft) auf Mord. Auch die Verteidigung plädierte auf eine lebenslange Haftstrafe.

Als Begründung für die andere Einschätzung der Lage führte die Verteidigung an, Högel habe manche der Taten glaubhaft bestritten oder seine Aussagen zu den fraglichen Taten seien widersprüchlich. Darüber hinaus sei nicht immer mit einer ausreichend hohen Wahrscheinlichkeit durch die hinzugezogenen Gutachter nachgewiesen worden, dass Högels Medikamentenmanipulation tatsächlich ursächlich für den Tod der Personen gewesen sei, so die Verteidigung.

Besondere Schwere der Schuld?

Sollte das Gericht in seinem Urteil am Donnerstag eine besondere Schwere der Schuld feststellen, wird Högel erst dann wieder auf freien Fuß kommen, wenn ein Gutachter zu dem Schluss kommt, dass Högel für die Allgemeinheit keine Gefahr mehr darstellt.

Für die Verteidigung war es heute eine ethische Gratwanderung. Einerseits ist es ihre Aufgabe, sich für die in einem Rechtsstaat geltenden Rechte für ihren Mandanten einzusetzen, andererseits wurde durch die Aussagen von Rechtsanwältin Ulrike Baumann aber auch deutlich, dass die Verteidigung auch Mitgefühl mit den Angehörigen der Getöteten hat.

 

Niels Högel mit seinen Verteidigerinnen Ulrike Baumann und Kirsten Hüfken

Schlusswort von Niels Högel

Als Letztes kam Niels Högel heute zu Wort. Wörtlich sagte er:

„In den Plädoyers der Nebenklage kam die Frage auf, ob dieser Prozess mich erreicht habe beziehungsweise ob irgendetwas in mir ausgelöst wurde. Ich kann dazu sagen, dass mir immer gegenwärtig ist und mir noch mal ganz deutlich geworden ist, was dieser Prozess getan hat, wie viel unfassbares Leid ich durch meine schrecklichen Taten verursacht habe, ebenso den Schmerz und die unendliche Trauer. Ich habe unzähligen Menschen das Wertvollste, was man eigentlich nur haben kann, sprich das Leben, genommen aus Motiven heraus, die für mich heutzutage selbst nicht mehr nachvollziehbar sind. Es gibt unzählige und so viele Opfer. In allererster Linie die Verstorbenen, die Angehörigen, aber auch ehemalige Arbeitskollegen, Freunde. Auch meine Familie. Bei jedem einzelnen möchte ich mich aufrichtig für all das, was ich Ihnen über Jahre hinweg angetan habe, entschuldigen.  Dieser Prozess sollte niemals irgendeine Bühne sein, ich habe den Prozess niemals dafür nutzen wollen, mich selbst in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Wie soll das auch funktionieren, wenn man moralisch schon auf der unteren Stufe steht. Emotionen, sofern sie vorhanden waren, waren nicht gespielt. Reue und Scham sind immer gegenwärtig und auch meine täglichen Begleiter, ob Tag oder Nacht. Dass der Eindruck leider ein anderer war, tut mir leid. Es tut mir ebenso leid, dass ich nicht jedem die erhoffte Antwort geben kann, dennoch wünsche ich mir für sie alle, dass sie durch diesen abschließenden Urteilsspruch ihren Verdienst vor Pflegern und Ärzten nicht zu verlieren, die tagein tagaus alles geben, um ihnen zu helfen und auch den Menschen. Danke.“

Wie glaubwürdig diese Aussagen Högels sind, der bereits mehrfach während des Prozesses mit Lügen aufgefallen ist, wird sich sicherlich auch morgen im Urteil widerspiegeln.

Das Urteil wird am Mittwoch, 6. Juni um 10 Uhr gesprochen. Bewusst hat der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann den Termin auf 10 Uhr gelegt, damit das Gericht vor der Urteilsverkündung noch einmal eine Nacht darüber schlafen kann und sich morgen vor Prozessbeginn noch besprechen kann.

Fotos: Torsten von Reeken

 



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