MUT-TOUR 2025 – Etappe Delmenhorst: Gemeinsam unterwegs gegen Stigmatisierung von Depressionen
Die MUT-TOUR, bei der Betroffene als auch Unterstützende auf das Thema von Depressionen aufmerksam machen und sich gegen Stigmatisierung und Vorteile einsetzen, setzt auch in diesem Jahr auf aktionsstarke Information der Öffentlichkeit. Am Freitag, den 06. Juni 2025 machten die Tandemfahrenden auf dem Weg Richtung Bremen einen Etappenstopp auf dem Delmenhorster Marktplatz. Es gab interessante und nicht minder ehrliche Gespräche.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer – ob per Tandemfahrt oder Wanderung – sind seit 2012 alljährlich in ganz Deutschland unterwegs und machen mit ihren Aktionen aktive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Während der Etappen berichten die Teilnehmenden über ihre Erfahrungen mit Depressionen. Dabei reflektieren die vielseitigen Blickwinkel wie unterschiedlich Depressionen sein und welche unterschiedlichen Auslöser die psychischen Erkrankungen haben können. Die Intention: Dei Beteiligten wollen Betroffenen als auch deren Angehörigen Mut geben. Am Freitag gegen 11:30 Uhr trafen die Tandemteams aus Ganderkesee kommend auf dem Delmenhorster Rathausplatz ein und wurden mit großer Anerkennung begrüßt.

Auch das widrige Wetter konnte die Tandem-Teams und die Unterstützenden von ihrer Mission nicht abhalten
Zur Wahrheit gehört leider: Obschon im Vorfeld medienwirksam angekündigt, waren zur Begrüßung der für den guten Zweck Tandemfahrenden um Diplom-Designer Sebastian Burger allenfalls wenige Menschen vor Ort. Hauptsächlich waren das die Vertreterinnen und Vertreter der regionalen Selbsthilfegruppen wie etwa „Die Kette“ oder „Long Covid“ sowie die unterstützende und mitorganisierende Selbsthilfe-Kontaktstelle Delmenhorst und weitere. Doch immerhin waren trotz einsetzendem Wind und Regen einige gekommen, um sich an den extra aufgebauten Ständen zu informieren.
Grundsätzlich gehe es darum, sich auch außerklinisch unter Menschen mit gleichen oder ähnlichen Erfahrungen austauschen zu können. „Wer das nicht selbst erlebt hat, weiß nicht, wie es sich anfühlt“, so Jürgen Lösekann, 1. Vorsitzender des Vereins „Die Kette e.v.“. Deshalb sei es so bedeutsam, sich in vertrauensvoller Atmosphäre und frei von Druck öffnen zu können.
Der Verein existiert inzwischen seit 41 Jahren und hatte sich von Angang an verpflichtet, Menschen mit psychischen Herausforderungen und ihren Angehörigen eine sichere Umgebung anzubieten, in der die Beteiligten sich gegenseitig unterstützen. Seither hat der Verein sein Engagement für die Gesellschaft kontinuierlich erweitert. So wurde im Jahr 2023 die „Junge Kette“ – speziell ausgerichtet auf junge Menschen – ins Leben gerufen.
Ihm selbst sei es wichtig, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, gesehen zu werden und sich zu psychischen Erkrankungen zu bekennen, so Lösekann. Glücklicherweise sei eine gesellschaftliche Veränderung hinsichtlich der Akzeptanz von seelischen Problemen wie Angst, Panik, Burnout und weiteren Ausprägungen der Depression feststellbar. „Noch vor 15 oder 20 Jahren wäre ein solches öffentliches Eingeständnis undenkbar gewesen.“ Die Tabuisierung der vermeintlichen „Schäche“ ist merklich entschärft worden, wenngleich Depressionen auch heutzutage noch zu oft als Zeichen mangelnder Stärke, Motivation oder Selbstdisziplin statt als Krankheitsbild angesehen werden.
Ebenfalls vor Ort war Martina Freuer von der Selbsthilfegruppe Long Covid. Sie erläuterte den schwierigen Weg für Betroffene seit Anbeginn der Corona-Pandemie. Insbesondere diejenigen mit diffusem und nicht auf den ersten Blick diagnostizierbarem Krankheitsbild fühlen sich oftmals nicht gesehen. Die Erkrankung ist etwa mit Erschöpfungszuständen und etlichen weiteren Symptomen langfristig vorhanden, lässt sich aber selbst mit medizinischen Fachkenntnissen zuweilen nicht konkret definieren. Resultat ist für viele Menschen der Weg in die Einsamkeit und Depressionen.
Unterstützt wurde die Aktion unmittelbar vor der Markthalle von der Selbsthilfe-Kontaktstelle im Fachdienst Gesundheit Delmenhorst. Patrick Hillebrand berichtete, welchen Stellenwert es für die Stadt habe, an der Seite von Selbsthilfegruppen frei von kommerziellen Interessen zu sein. Es gehe bei dieser sensiblen Thematik keineswegs darum, durch etwaiges Sponsoring Produkte oder Hersteller in den Fokus zu rücken. „Die Selbsthilfe-Kontaktstelle unterstützt die Initiative von Mut fördern e.V. für mehr Verständnis, Offenheit und eine Gesellschaft, in der psychische und körperliche Gesundheit gleichwertig wahrgenommen werden. Depression ist eine ernstzunehmende, aber behandelbare Erkrankung.“
Sicherlich kann man Depressionen mit einer mutmachenden Tour nicht grundsätzlich bekämpfen, allerdings der Stigmatisierung entgegentreten und zugleich den Betroffenen signalisieren, dass sie eben nicht allein sind. In Gemeinsamkeit Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen und den Menschen helfende Hände, Gedanken und Worte zu bieten, ist extrem wichtig und die Bedeutung wird zunehmend größer. Denn tatsächlich geht man davon aus, dass rund 25 Prozent der Menschen in Deutschland unter psychischen Erkrankungen leiden. Noch immer ist die Zahl derer, die sich trauen, Hilfe zu suchen, viel zu gering. Wer sich ein Bein bricht, ist verletzt. Wer sich die Seele bricht auch. Beiden kann geholfen werden.
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((Beitragsbild oben: Die Tandem-Teams, Selbsthilfegruppen und Unterstützer auf dem Delmenhorster Rathausplatz))





DelmeNews - Jörn Petersen






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