Delmenhorst und Social Media: Gefährliche Missverständnisse zwischen Sender und Empfänger

Wohl kaum ein öffentlicher Raum ist derart faktenentleert wie die vermeintlich sozialen Medien. Das gilt weltweit. Nicht weniger wird allerdings auch die Meinungsbildung in und um Delmenhorst korrumpiert. Mit eigenhändig gestrickten Fake-News scheinen sich manche Bevölkerungsgruppen zu radikalisieren. Und dann gibt es wieder jene, die konkrete Worte aufgrund von Sprachbarrieren oder auch gewollt missverstehen.

Mit dem Blick auf Details wird bisweilen deutlich, an welchen Nuancen Kommunikation auf Augenhöhe scheitern und für tiefe Gräben sorgen kann. Im öffentlichen Raum sind es zuweilen an den Haaren herbeigezogene Behauptungen, dann wieder schlichtweg aus angegriffener Position verkehrt interpretierte Ausdrücke. Immer wieder erlebt wird dabei allerdings die typische und auch aus der Technik bekannten Symptomatik, dass der Sender vom Empfänger nicht verstanden wird. Hier ein paar Beispiele, weshalb wir besser zuhören sollten:

Schützende Abgrenzung als Diskriminierung verstanden

Regelmäßig thematisiert wird der Rassismus. So etwa gegen Islam-Gläubige. Allerdings herrscht dort offensichtlich ein Missverständnis. Ein User schreibt: „Es ist bodenlos, wie man laufend den Islam als negativ hinstellen will. Man erfindet Wörter wie Islamisten und stellt somit den Islam sofort auf eine Stufe mit Terroristen.“ Die Meinung ist zwar reflektiert – „(…) Immer redet man von einem islamischen Anschlag“ – scheitert allerdings an einer linguistischen Terminologie.

Die Rede ist eben nicht von einem „islamischen“, sondern von einem „islamistischen“ Anschlag. Und die beiden Ausdrücke haben im deutschen Sprachgebrauch eine grundlegend andere Bedeutung. Das Wort Islamist, so der User, sei ein erfundenes Wort, um dem Islam schaden zu wollen. Korrekt ist, dass es sich um ein „erfundenes Wort“ handelt, Allerdings keinesfalls, um den Islam oder die Islam-Gläubigen zu diskreditieren, stattdessen als bewusste Abgrenzung zwischen friedlichem und instrumentalisierten Glauben. Genau diese Unterscheidung sollten wir den Nicht-Native-Speakern auch aktiv vermitteln, also die Bedeutung, weshalb ein Wort wie gemeint ist.

Faktencheck: Täter-/Opferumkehr auf Facebook

Auf Meta, ehemals Facebook, schreibt eine Userin nach dem Eklat im Oval Office in Washingten: „Trump weiß alles über den Verlauf des Konfliktes. Der Konflikt fing mit dem Sturz der ukrainischen Regierung in Maidan an, unterstützt und gefördert von der USA. 10.000 ukrainische Zivilisten verloren ihr Leben unter der (vom Westen) neu installierten Regierung in der Ukraine. Selensky wurde als Marionette installiert, um amerikanische Interessen voranzutreiben.“ (Zitat Ende)

Fakt ist: Von Putin im Februar 2010 an die Macht gebracht wurde Wiktor Janukowytsch, der Russland als Präsident der Ukraine sogar bei der Annexion der Krim im März 2014 begünstigt hatte und sich später wegen Hochverrats vor Gericht verantworten musste. Vor inzwischen elf Jahren ließ der damalige prorussische Präsident auf dem Majdan Nesaleschnosti („Platz der Unabhängigkeit“) in Kiew Demonstrationen in einem Blutbad brutal niederschlagen, bei dem mindestens 85 Demonstrierende und 18 Polizisten starben. Wolodymyr Selenskyj ist erst seit Mai 2019 Präsident der Ukraine. Volkkommen unabhängig von der persönlichen Perspektive bleibt Tatsache, dass die Ukraine nicht der Aggressor, sondern der Angegriffene ist.

Unwissentlich mit Algorithmen diskutieren

Hass und Hetze sind im Social-Media-Web allgegenwärtig, häufig auch von Bots, Trollen und Sockenpuppen gesteuert. Die implizierte Problematik: Die wenigsten Nutzer wissen das und diskutieren in der Folge mit Algorithmen. Dabei kennt die Meinungsfreiheit spätestens seit dem Verzicht auf Kontrolle durch „X“ – ehemals Twitter – als auch Facebook – kaum noch justiziable Grenzen. Das hohe Gut der persönlichen Meinung ist schützenswert und schlichtweg niemand kann für sich in Anspruch nehmen, über die alleingültige Weisheit zu verfügen. Fraglich bleibt allerdings, inwieweit mit der Benennung von Poratlen politischer Etikettenschwindel betrieben wird.

Unbesehen der eigenen Einstellung, Meinung, der religiösen Zugehörigkeit, Herkunft oder sexuellen Orientierung, haben allesamt dasselbe Interesse an einer sicheren Zukunft. Darauf sollte man sich auch innerhalb der vermeintlichen Anonoymität der sozialen Medien besinnen. Das Plädoyer kann übergreifend nur lauten, sich für die Einstellungen anderer zu öffnen, Missstände zu benennen, aber auch konträre Meinungen auszuhalten. Andernfalls gärt eine subkulturelle Entwicklung, die es den Verantwortlichen schwierig macht, Entscheidungen im Sinne aller zu treffen.

Besser einander die Hand reichen

Tatsächlich gibt es Facebook-Gruppen, die sich die Verbundenheit mit Delmenhorst auf die Fahne schreiben, sich aber per se gegen die „lokale Polititk und Mainstream-Medien“ positionieren. Suggeriert wird mit dem Namenzusätzen der jeweiligen Stadt, es würde die Einstellung der gesamten Bürgerinnen und Bürger abgebildet. Schlussendlich aber wird vielmehr die Spaltung vorangetrieben. Es wäre besser, nachzufragen und sich einander die Hand zu reichen. Ob wir es wollen oder nicht, wir haben nur dieses eine Land.

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