Delmenhorst paritätisch: Kay Kanstein, Bundestagskandidat der AfD, mit Statements vor der Bundestagswahl 2025
Paritätisch: Vor der Bundestagswahl fangen wir die Meinungen der Delmenhorster Fraktionen und Ortsgruppen ein. Diesmal im Gespräch: Kay Kanstein, Bundestagskandidat der AfD. Bekannt ist der stellvertretende Ortsverbandsvorsitzende für streitbare Debattenkultur. Ist die Kommunalpolitik deckungsgleich mit den Aussagen der Bundesspitze?
Das Treffen zum Interview war etwas surreal. Kay Kanstein, aufgestellt als Bundestagskandidat im Wahlkreis 28 (Delmenhorst, Oldenburger Land, Wesermarsch), wartete zum vereinbarten Termin nervös auf- und abgehend auf dem Marktplatz und wirkte unsicher. In dieser Situation war kein Mann erkennbar, der verbal unablässig auf andere eindrischt. Gleich zu Anfang des Gesprächs konstatierte er, wohl niemand wolle mit ihm gesehen werden. Der vielzitierte Wolf im Schafspelz oder eine verkannte Persönlichkeit? Wir wollten mehr wissen. Wie radikal ist die Basis wirklich, welche Polemik wird von der Bundespitze in die Ortsverbände getragen oder umgekehrt?
Gemäßigter Eindruck wider Willen
Schnell wird deutlich, da sitzt ein Mann, der seine politischen Metaphern gelernt und sublimiert hat. Überzeugungen, die rein logisch erklärbar sein mögen, sofern sie in das stimmige Vokabular verpackt werden. Dass man hinter jeder Aussage gleichwohl Berechnung vermutet, ist sicherlich auch dem Populismus der Parteispitze und dem Voicing aus Thüringen geschuldet.
Allerdings auch einer, der nachdenklich und von diversen Stationen seines Lebens gezeichnet ist. Körperliche Beschwerden haben ihm mehrfach den Weg ins Krankenhaus beschert. Ob er die möglicherweise anstehenden Aufgaben als AfD-Abgeordneter wirklich wahrnehmen könnte, steht zumindest temporär in den Sternen. Obschon er das laut eigener Aussage nicht sein will, macht Kanstein im Gespräch tatsächlich einen gemäßigten Eindruck.
19 Jahre in der Luftwaffe gedient
Die berufliche Vita des 59-Jährigen ist vielschichtig und von etlichen Orts- und Berufswechseln geprägt. So absolvierte der gebürtige Duisburger eine Ausbildung zum Koch, diente insgesamt 19 Jahre an verschiedenen Standorten bei der Luftwaffe – schlussendlich als ABC-Feldwebel – und verfügt darüber hinaus über einen Abschluss als Diplom-Sportmanager.
Als Koch war und ist er seit über einer Dekade in der lokalen Gastronomie in Delmenhorst und Umgebung tätig. Tatsächlich hatte er laut eigener Aussage mit Politik bis dato nicht allzu viel zu tun. Auf die AfD sei er gekommen, zumal er sich während der Flüchtlingskrise 2015 Fragen stellte. Damals sei es die einzige Partei gewesen, von der die damalige Situation nicht verherrlicht wurde.
Schwarze Schafe werden aussortiert
Seit 2023 ist er festes Mitglied der AfD in Delmenhorst, wo er seit 2019 lebt. Sein parteiinterner Ansatz ist insbesondere organisatorisch und strategisch. Unter Kansteins Mitwirkung konnte die Partei bei der Europawahl 2024 in Delmenhorst ihren Stimmenanteil nahezu verdoppeln und kam auf einen Stimmenanteil von 18,46 Prozent. Das Personal vor Ort, so Kanstein, habe er wie ein Fußballtrainer aufgestellt und jeden mit den Aufgaben betraut, die ihm am besten liegen. So hat er seit Übernahme seiner Position etliche Stammtische organisiert und ist neue Wege in der internen Kommunikation gegangen.
Anfänglich erhielt er – wie er zugibt – negatives Feedback, ohne sich allerdings beirren zu lassen. Nachdem er weiterhin auf aktive Debatten setzte, habe sich die Anzahl der Mitglieder verdreifacht. Und zwar (laut Kanstein) aus sämtlichen sozialen Schichten mit einem guten Bürgerschnitt stammend. „Die Sorgen sind die gleichen.“ Explizit verweist er in diesem Kontext auf das komplexe Aufnahmeverfahren der AfD. Gewährleistet werde dadurch, dass etwaige schwarze Schafe aussortiert bzw. gar nicht erst aufgenommen werden.
Zeitschriften sind Handlanger der Politik
Selbstverständlich fällt ihm auf, wie andere Parteien ihn und seine Mitstreiter gerne aktiv verhindern und ins Abseits stellen wollen. So berichtet Kanstein davon, dass die Delmenhorster AFD im Rahmen der Europawahl als erste der Parteien in der Delmenhorster Innenstadt mit genehmigtem Infostand präsent war, kurioserweise aber durch frisch aufgestellte Baubarken ausgebremst werden sollte. Dabei flammt im Gespräch zwischenzeitlich immer wieder der Nimbus der Verbalpeitsche auf. So benennt er die Zeitungen als „(…) Handlanger der Politik“.
Wie scharf dürfen verbale Statements sein?
Die vehementen Äußerungen der Parteivorsitzenden Alice Weidel versteht Kanstein als „Weckruf“. Sicherlich habe es zuvor Fehler in der öffentlichen Darstellung gegeben. Insgesamt aber verweist er mit plötzlichem Themenschwenk darauf, dass die deutsche Hilfsbereitschaft auch bezahlbar sein muss. „Wenn der Arzt krank ist, operiert er nicht.“
Wer sich hier illegal aufhalte und auch darüber hinaus als kriminell einzustufen sei, müsse zurückgeführt werden. Der „moderne Kolonialismus“ dürfe so nicht weitergehen. Das war eigentlich nicht die Frage, aber immerhin eine Antwort. Die kommunale Tonalität unterscheidet sich von der Bundesspitze allenfalls marginal.
Kriegstreiber: Waffen retten Menschenleben
Die SPD unter Scholz tituliert er als Wiederholung, die AfD demgegenüber als die alte CDU. Abhängig von den Wahlergebnissen sei es durchaus denkbar, mit der CDU zu koalieren. Die Ideen der Grünen seien nicht grundsätzlich schlecht. Allerdings müsse man dahingelangen, progressiv und traditionell zu kombinieren. Dann, aber erst dann, könnte man einen gemeinsamen Nenner finden.
Sowohl dem CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz als auch der aktuellen Außenministerin Annalena Baerbock wirft er vor, Kriegstreiber zu sein. Indes Merz säbelrasselnd die Lieferung der Taurus fordere, entstehe gleichwohl das Bild, die Jugend sei „kriegsgeil“. Dabei müsse man sich der Dimensionen der russischen Angriffskraft bewusst sein. Etwa die Oreschnik-Rakete verfüge über einen 7-fachen Sprengkopf, der selbstverständlich auch atomar bestückt werden kann.
Das hauptsächliche Problem seien die elektromagnetischen Emissionen. Die hätten das Potenzial, die gesamte westliche Welt lahmzulegen. Darüber hinaus verfüge Russland über ein Arsenal von rund 6.000 atomaren Waffen, die längst bereitstehen und unmittelbar vor Ort produziert werden. Als problematisch bezeichnet Kay Kanstein die von den anderen Parteien suggerierte These „Waffen retten Menschenleben“. Das sei ein Rückschritt ins Jahr 1933. Die Kohärenz erschließt sich nicht wirklich.
„In meinen Augen sind das Deserteure“
Selbstverständlich steht die Migrationspolitik auch vor Ort im Fokus der AfD-Politik. Kanstein: „Zu uns kommen junge Männer, die ihre Frauen zu Hause lassen. In meinen Augen sind das Deserteure oder Feiglinge.“ Auf Nachfrage, wie man dem Problem begegnen könne, entgegnet er, man müsse die Flüchtlingsursachen bekämpfen. Und er geht noch einen Schritt weiter: „Was wir mit Migranten machen, ist moderne Sklaverei.“ Die Menschen würden in ihren Herkunftsländern gebraucht. Kriminelle sollten das Problem ebendieser Staaten sein. „Die Deutschen sind dann das Problem der Deutschen.“
Krieg beenden trotz territorialer Verschiebungen
Die Position zu Putin ist eindeutig: Kanstein selbst ist Soldat geworden, um Krieg zu verhindern. „Kein Mensch will Krieg“ Und direkt anschließend kommt die Frage: „Wer hat mit Putin gesprochen?“ Er und die Parteispitze seien keine „Putin-Freunde“. Doch das Signal, mit dem man schlussendlich im übertragenen Sinne Stimmen kaufe, könne nur lauten: „Ich beende den Krieg, auch wenn dafür im aktuellen Status gewisse territoriale Verschiebungen hingenommen werden müssen.“ Wie das bei einem Aggressor funktionieren kann, der offensichtlich nicht gesprächsbereit ist, bleibt unbeantwortet. Ob die Sanktionen aufgehoben werden sollten? „Ja, eindeutig.“
Kontaminierte Wege haben sich gekreuzt
Auch zum Umgang mit der COVID19-Pandemie hat Kanstein seine eigene Meinung. So habe es über drei Jahre 200.000 Corona-Tote gegeben (Anm. d. Red.: Wir kennen andere Zahlen). Die Zahl der an Influenza regelmäßig Versterbenden sei aber höher. Er selbst hatte die Zeit erlebt, als er aufgrund einer Schlafapnoe während der Corona-Krise stationär im Krankenhaus war. Es habe keine Corona-Station gegeben. Außerdem sei der Eingang – wie auch im Rathaus – zugleich Ausgang gewesen. Dabei hatte er doch als ABC-Feldwebel die unumgängliche Maxime gelernt, dass sich kontaminierte Wege niemals kreuzen dürfen.
Am Leben bleiben, solange es dem Spieler gefällt
Die israelischen Angriffe auf die Hamas im Gazastreifen benennt er in ihrem Ausmaß als Perversion. Sicherlich habe Israel angesichts der riesigen Verbrechen der Hamas ein Recht, Palästina anzugreifen. Die Zivilisten hätten aber nicht mehr gewusst, wohin sie überhaupt noch fliehen sollen. „Da wird das Opfer zur Spielfigur, die so lange am Leben bleibt, wie es dem Spieler gefällt.“ Das habe nichts mit Gerechtigkeit zu tun und sei schlichtweg empathielos.
Fragen werden kommen, so viel ist sicher
Kanstein will sich den Fragen der Bürgerinnen und Bürger stellen, insbesondere auch denen der Migranten. Angekündigt hat er dafür öffentliche Termine in einem Delmenhorster Restaurant. Es werden Fragen kommen, so viel ist sicher. Denn bei allen Versuchen der Ehrlichkeit und obgleich er sich im Interview moderat darstellt, stammen manche seiner Antworten bislang aus dem Reich der Polemik. Und so endet auch dieses Gespräch mit einer visionären Prognose: „Alice Weidel wird Kanzlerin und dann schauen wir, mit wem wir zu koalieren bereit sind.“





DelmeNews - Jörn Petersen





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