Gerhard Bergers Adventsbotschaft

19. 12. 2016 um 18:32:15 Uhr | DelmeNews-Redaktion
Gerhard Berger Advent

Vor drei Jahren im Dezember hatte DelmeNews die Gedanken von Gerhard Berger zum Jahresausklang abgedruckt. Es waren nachdenkliche Worte über die Stadt Delmenhorst. Gerhard Berger ist Sprecher der Delmenhorster Schausteller und sitzt als Ratsherr für die SPD im Delmenhorster Stadtrat. Heute haben wir von ihm exklusiv seine Gedanken zum ersten Advent erhalten, eine Adventsbotschaft, die auch kurz vor Weihnachten noch Bestand hat und die wir hier gern in ungekürzter Form abdrucken. Es ist ein langer Text, aber einer, der durchaus zum Nachdenken anregen kann und vielleicht dem einen oder anderen sogar eine Orientierung bieten kann in einer schwierigen Zeit. Anmerkung: Die Zwischenüberschriften hat die Delmenews-Redaktion im Sinne einer besseren Lesbarkeit vorgenommen:
 
 
Erster Advent
von Gerhard Berger
 
Die erste Kerze wird angezündet, nun ist es nicht mehr weit bis Weihnachten. Kein anderer Zeitabschnitt vergeht so schnell. Gefühlt kommt Weihnachten immer plötzlich, natürlich nicht für Kinder, die können die Bescherung nicht erwarten und ihre Geduld wird auf die Folter gespannt. Für Erwachsene vergeht die Zeit wie im Fluge.
 

Eingebrannte Bilder im Kopf

Die Vorweihnachtszeit ist vollgestopft mit Gefühlen, Eindrücken und Launen. Mich haben in der Nacht vor dem ersten Advent Gedanken aus dem Bett getrieben, die nichts zu tun haben mit einem festlichen, friedlichen ruhigen Weihnachten. Nichts mit Vorfreude und Liebe auf der Welt. Ich werde die Bilder und Schlagzeilen des vergangenen Jahres nicht los. In meinen Kopf sind sie eingebrannt.
– Ein ertrunkenes Kind am Strand.
– Menschen, die verzweifelt versuchen über Wasser zu bleiben und doch ertrinken müssen.
– Kinder, die seelisch gebrochen über Trümmer laufen und alleine sind, ganz alleine.
– Bilder von Menschen, die im nächsten Moment umgebracht werden und eine furchtbare Angst in den Augen haben.
– Bilder, die mir die Schmerzen zeigen, den Schock nach einer Explosion oder die Ohnmacht nach einem Erdbeben.
 

Wer macht sich Gedanken?

In meinen Kopf läuft ein Film ab, in dem ein am Boden liegender Polizist um sein Leben fleht, doch sein Gegenüber ihn eiskalt erschießt. Es steht geschrieben: „Macht euch die Erde untertan.“
Wo steht: „Ihr seid Herr über Leben und Tod?“ oder „Ihr seid Herr über Hunger oder Völlereien?“
Wie können sich die Satten und Trunkenen anmaßen, ein Urteil über Mitmenschen abzugeben, die in Not sind. Wir leben in einem sicheren Land mit einer funktionierenden Gesellschaft.
Mit einem Sozialsystem, das niemanden hungern lässt. Jeder kann sich seine Zukunft aussuchen und mithelfen, die Verhältnisse noch zu verbessern. Wer macht sich Gedanken, dass es ein Riesenglück ist, in diesen Staat geboren zu sein?
 

Die Wut fängt an zu kochen

Die Wut in mir fängt an zu kochen, wenn sich ein gut angezogener Mensch über Kleingeld beklagt, weil es das Portemonnaie zu sehr beschwert. Traurigkeit und Unverständnis fühle ich, wenn Menschen in Not mit Misstrauen und Vorurteilen gestraft werden. Die Menschen achte ich, die sich mit Arbeit und Fleiß ein gutes Leben verdient haben. Egal, welcher Rasse sie angehören, was heißt das überhaupt, welche Rasse? Der Dichter Mistral hat auf die Frage: „Welche Rassen in diesem Teil des Landes denn leben?“ gesagt: „Rassen? Aber es gibt ja nur eine Sonne genau so wie es nur eine Rasse Menschen gibt.“
 

Ein Lächeln ins Gesicht zaubern

Mir geht es gut, ich habe eine Wohnstätte und brauche nicht hungern und frieren. Ich kann lachen und der Herr hat vergessen mir den Neid an die Seite zu stellen. Dafür habe ich eine größere Portion Zufriedenheit bekommen. Dafür bedanke ich mich von ganzem Herzen. Leid tut mir nur eins: Ich habe nicht mehr die Kraft zum Helfen, bin zu alt und habe auch einen Herrn Parkinson als ständigen Begleiter. Aber ich habe einen Weg gefunden, wie ich noch helfen kann. Ich stelle mich in den Dienst der Gesellschaft und möchte eine gute Politik machen. Nebenbei versuche ich Menschen zu trösten und ihnen Mut zu machen, damit sie ein aktives Leben führen. Wohldosiert kann ich ihnen mit meinem Humor ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
 

Es passiert unter derselben Sonne

Mit meinen Texten möchte ich die Menschen unterhalten und bin zufrieden, wenn mir das gelingt. Im Kopf bleiben aber immer die Bilder von dem Elend der unschuldigen Opfer und ich bekomme einen Zorn gegen Personen, welche diese Bilder verleugnen. In einem Gespräch sagte mir jemand, die meisten Menschen sind berührt, wenn etwas in unserer Nähe passiert und wir uns damit identifizieren können. Aber egal, wo es auch ist, immer sind Menschen betroffen. Es passiert alles unter derselben Sonne.
 

Herrscher haben Angst vor Frieden

Die Waffen schweigen nicht. Wo es passt, will ich den Krieg und die Kämpfer verurteilen. Für mich sind nicht die Krieger die Helden, sondern die Friedensstifter, die sich für die Hilflosen einsetzen. Zu den Mutigen gehören Menschen, die in der Gesellschaft oder am Stammtisch für Frieden und Nächstenliebe auch noch streiten, wenn sie allein mit ihrer Meinung sind. Darum sollten wir uns immer wieder die Bilder vor Augen halten und uns unser eigenes Urteil machen. Mir scheint, die Herrscher dieser Welt haben mehr Angst vor einem Frieden als vor einem Krieg. Weil mehr Mut und Intelligenz dazu gehört, einen gerechten Frieden zu schaffen als einen totalen Krieg. Frieden bedeutet Macht abzugeben und sich hinten anzustellen.
 

Die großen Gesten des Friedens

Die großen Gesten des Friedens sind das Abgeben, das Einsehen und das Zugeben von Fehlern. Da hat Starrsinn keinen Platz. Jeder sollte mit sich selbst ins Reine kommen. Was ist uns alles verloren gegangen? Wo sind das Mitgefühl und der Respekt vor dem anderen geblieben? Wir haben das alles mit den Ellenbogen beiseite geschoben und verdrängt. So fing es an, erst mit den Ellenbogen, dann kamen die Fäuste, später das Schwert, dann die Feuerwaffen, die Jagdflugzeuge mit ihren Bomben und am Ende die Atombombe.
 

Können wir unsere Konflikte lösen?

Beteiligen wir uns nicht alle an diesen Kampf? Denn es fängt bei mir an, in meinen Kopf mit dem Gedanken über das Verhältnis zu anderen Menschen. Von einer konfliktlosen Welt träumen wir alle. Aber sind wir überhaupt fähig, unsere eigenen Konflikte zu lösen?
 

Wir verzweifeln an anderen

Wir verzweifeln immer nur an den Unfähigkeiten der anderen Menschen, anstatt sich erst mal selbst zu hinterfragen. Zum Beispiel, wessen Idealen folge ich? Wie sieht es in mir aus? Was bewegt mich? Welche fremden Gedanken scheinen meinen zu gleichen? Dann muss ich mich entscheiden, auf welcher Seite ich stehe – auf der Seite der Streiter um Wohlstand und Macht oder der Seite der Verteidiger des Friedens und der ausgleichenden Gerechtigkeit.
 
Wenn einer sagt, „die Zeiten sind eben so, wer gut leben will, muss darum kämpfen, ich kann das nicht ändern“, hat er einen großen Teil seiner Persönlichkeit aufgegeben und lässt andere für sich denken. Es kann jedem passieren und mit einem Mal stehe ich in der Reihe der Bildzeitungsleser wie Tatortgucker und die Gleichgültigkeit überfällt mich.
 
Ganz selten ist mir auch danach, aber dann sehe ich mir wieder die Bilder in der Tagesschau an, höre die Nachrichten und davon kann ich meine Gedanken nicht befreien. Aber trotzdem, wenn ich das Gefühl habe, mit Menschen zusammen zu sein, die mich verstehen und mit mir gemeinschaftlich zufrieden sein können, dann hat das Weihnachtsfest seinen Sinn erfüllt und in mir ist Frieden.
 
Gerhard Berger

Gerhard Berger
 



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Lieber Gerd Berger,
einen beeindruckenden Text haben Sie verfaßt, meinen Respekt dazu !

Freundliche Grüße
Andreas Fokker